Photovoltaikanlagen mit Batteriespeicher und Wallbox gelten als Königsdisziplin der Eigenverbrauchsoptimierung. In der Praxis zeigt sich jedoch: Sobald mehrere intelligente Systeme gleichzeitig Entscheidungen treffen, entstehen Effekte, die zunächst kontraintuitiv wirken – und im schlimmsten Fall dem eigentlichen Ziel widersprechen.
Ein konkretes Beispiel aus dem Alltag macht das deutlich.
Ausgangslage: Viel Sonne, volle Dächer, halbvoller Akku
Die Anlage besteht aus:
- einer 15 kWp PV-Anlage von SolaX (X3 Hybrid G4)
- einem Hausspeicher
- einer go-e-Wallbox mit go-e Controller für PV-Überschussladen
- einem Elektroauto (VW ID.7)
An einem sonnigen Samstag produziert die Anlage reichlich Strom. Der Hausakku ist noch nicht voll, gleichzeitig ist der PV-Ertrag so hoch, dass Strom ins Netz eingespeist wird, da der Speicher nur mit maximal 5kW gefüllt werden kann. Die logische Konsequenz: Der go-e-Controller erkennt den Überschuss und startet das Laden des Fahrzeugs im Eco-Modus.
Bis hierhin läuft alles genau so, wie man es erwartet.
Das unerwartete Problem: Der Akku entlädt sich
Nach einiger Zeit fällt jedoch auf:
Der Batterie-Ladezustand sinkt deutlich, im konkreten Fall von etwa 45 % auf 20 %, obwohl weiterhin Sonne scheint und kein Netzstrom bezogen wird. Das Auto lädt, der Netzbezug bleibt bei null – und dennoch entlädt sich der Hausspeicher.
Was ist passiert?
Die Ursache: Eigenverbrauchslogik trifft Überschussladen
Der entscheidende Punkt liegt im Arbeitsmodus des Wechselrichters. Der SolaX X3 Hybrid war im Eigenverbrauchsmodus (Self-Use) konfiguriert. Dieser Modus verfolgt ein klares Ziel:
Jede Last im Haus soll möglichst aus PV oder – falls nötig – aus der Batterie gedeckt werden, um Netzbezug zu vermeiden.
Die Wallbox wird dabei schlicht als zusätzliche Last betrachtet.
Sobald die Ladeleistung des Fahrzeugs kurzfristig höher ist als der aktuelle PV-Überschuss (z. B. durch Wolken oder schwankende Erzeugung), springt automatisch die Batterie ein – ohne dass Netzstrom fließt.
Aus Sicht des Wechselrichters ist das korrektes Verhalten.
Aus Sicht des Nutzers ist es jedoch unerwünscht: Das Elektroauto wird auf Kosten des Hausspeichers geladen.
Warum das besonders tückisch ist
Das Problem bleibt oft unbemerkt, weil:
- kein Netzstrom bezogen wird
- der Eigenverbrauch scheinbar optimiert ist
- die Wallbox korrekt im Eco-Modus arbeitet
Erst ein Blick auf den Batterie-SOC zeigt, dass die Energie nicht ausschließlich aus der PV stammt.
Erste Lösungsansätze: Moduswechsel oder harte Abschaltung?
Naheliegend sind zwei klassische Gegenmaßnahmen:
- Wechsel des Wechselrichter-Modus (z. B. „Battery not discharge“)
- manuelles oder zeitgesteuertes Abschalten der Wallbox
Beides funktioniert technisch, ist aber im Alltag wenig elegant. Entweder wird die Batterie zu stark geschont oder das Auto lädt gar nicht mehr, obwohl Überschuss vorhanden wäre.
Die pragmatische Lösung: Steuerung über den go-e-Controller
Eine überraschend wirkungsvolle Lösung liegt direkt in den Einstellungen des go-e Controllers:
- Zielwert für Netzeinspeisung setzen (z. B. −200 W)
Der go-e-Controller versucht dann dauerhaft, eine kleine Einspeisung aufrechtzuerhalten. - Option „Eher in das Netz einspeisen“ aktivieren
Dadurch wird die Ladeleistung frühzeitig reduziert, bevor zusätzliche Energiequellen (Batterie oder Netz) benötigt werden.
Das Ergebnis:
Die Wallbox passt ihre Ladeleistung so an, dass immer ein kleiner PV-Überschuss verbleibt. Sobald dieser nicht mehr vorhanden ist, wird die Ladung gedrosselt oder gestoppt. Die Batterie wird dabei weitgehend geschont.
In der Praxis funktioniert dieser Ansatz erstaunlich gut – insbesondere an stabil sonnigen Tagen.
Grenzen dieser Lösung
Ganz ohne Einschränkungen ist auch dieser Ansatz nicht:
- sehr kurze Leistungseinbrüche (z. B. durch Wolken) können weiterhin kurzzeitige Batterieentladung verursachen
- der go-e-Controller kennt den Batterie-SOC nicht direkt
- die Regelung erfolgt ausschließlich über den Netzverknüpfungspunkt
Für viele Haushalte ist dies dennoch eine sehr gute 90–95 %-Lösung, die ohne zusätzliche Hardware auskommt.
Der nächste Schritt: Transparenz durch RS485 und Modbus
Für maximale Kontrolle bietet sich die direkte Einbindung des Wechselrichters über RS485 / Modbus an. Damit lassen sich in Systemen wie Home Assistant:
- PV-Leistung
- Hausverbrauch
- Batterie-SOC
- Lade- und Entladeleistungen
in Echtzeit auswerten und automatisiert verknüpfen.
Erst damit wird es möglich, klare Regeln umzusetzen, etwa:
- Auto laden nur bei Batterie-SOC > 50 %
- Ladeleistung dynamisch auf echten Überschuss begrenzen
- Batterie gezielt vor Entladung schützen
Fazit
PV-Überschussladen ist technisch möglich – aber nicht trivial.
Gerade in Systemen mit Hybridwechselrichtern und Batteriespeichern treffen mehrere Optimierungslogiken aufeinander, die sich gegenseitig beeinflussen.
Die gute Nachricht:
Mit durchdachten Einstellungen am go-e-Controller lässt sich das Problem bereits weitgehend entschärfen. Wer darüber hinaus vollständige Kontrolle möchte, kommt an einer tieferen Integration über Modbus und Hausautomatisierung kaum vorbei.
Am Ende gilt:
Nicht maximale Automatisierung ist das Ziel, sondern maximale Transparenz – und daraus abgeleitete, bewusste Entscheidungen.
Wir testen das im kommenden Frühling mal aus.